MUSIKALISCHE LEITUNG Will Humburg
AUSSTATTUNGJulia Rösler
DRAMATURGIEMark Schachtsiek
LICHTDieter Göcke
CHORThomas Eitler-de Lint, Elena Beer
VIDEOJohannes Kulz
KOMPARSERIEStaatstheaters Darmstadt
MIT:Izabela Matula
Mickael Spadaccini
Krzysztof Szumanski
Nicolas Legoux
Thomas Mehnert
Peter Morrison
David Pichlmaier
Minseok Kim
Wiktor Czerniawski
Oleksandr Prytolyuk
Niklas Pfeiffer
Fotos: Stephan Ernst

„Das Staatstheater Darmstadt bietet in der Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr eine staunenswerte und auf ganz einfache Weise plausible Lesart von Puccinis Oper.

Höckmayr entwickelt – flinker und leichter, als es hingeschrieben klingt – eine Umgebung, in der das Dramatische und das Künstliche gleichermaßen ihren Platz haben, das intensive, sinnliche Erlebnis und das Unwirkliche, das immer mitschwingt. Höckmayr erzählt Toscas Alptraum. (…)Das bleibt alles ganz unaufdringlich, gibt Höckmayr aber den Freiraum, ebenso klassisch wie distanziert vorzugehen.(…)Tosca singt eine Nummer und durchlebt eine Tragödie zur gleichen Zeit, das ist genau das, was Puccini uns hören lässt, und Höckmayr kann es uns zeigen. (…)Tatsächlich erarbeiten die Darmstädter eine so plausible und auch packende Version, dass es nicht leicht sein wird, sich wieder mit weniger – weniger Doppelbödigkeit, weniger Anspannung – zufrieden zu geben.“

Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg, 5.12.2016

„…die grandiose Bildermacht, die Höckmayrs Regie entfesselt, spricht für sich selbst. Die von der Tosca-Darstellerin halluzinierte Traumwelt entfaltet in ihrer grausamen Schönheit eine nachgerade betörende Gewalt: Blutrote Engel ohne Gesicht, die hinter dem dämonischen Polizeichef Scarpia und seinen schwarzgekleideten Schergen erscheinen, lassen die «Te Deum»-Szene ins Alptraumhafte gleiten. Im nachtschwarzen Palazzo Farnese rotiert der Bühnenboden wie ein unentrinnbares Karussell. Eine kerzengeschmückte Tafel zieht vorüber, an der Toscas Peiniger seine Henkersmahlzeit einnimmt, gefolgt von brutalen Folterszenen. Atemberaubend auch die in Morgennebel gehüllte Plattform der Engelsburg. Der Schauplatz der vermeintlichen Scheinhinrichtung mit seinen von hinten einsehbaren rohen Kulissen, deren kunstvoll bemalte Vorderseiten erst im Laufe der Szene durch die Drehbühne zum Vorschein kommen, spiegelt den Widerspruch von schönem (Bühnen)-Schein und schauriger Realität. (…) 

Opernwelt Februar 2017, Silvia Adler

Die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr, die im vergangenen Jahr einen intelligent psychologisierenden Blick auf die versehrten Menschen im „Freischütz“ geworfen hatte, hat für Puccinis „Tosca“ ein Konzept ersonnen, das auf die Titelfigur fokussiert ist und doch so vielschichtig arrangiert, dass es immer wieder etwas zu entdecken gibt. Jede Szene beglaubigt die Dringlichkeit dieser Geschichte einer Frau, die vergeblich in die Kunst zu fliehen sucht und doch an der grausamen Wirklichkeit scheitert. Dass aus Höckmayrs gut getüftelter Idee zweieinhalb packende, vom Publikum bejubelte Stunden werden, hat mindestens drei Gründe. Da ist die Präzision der Figurenzeichnung, aus der die Regisseurin nicht nur eine klare Erzählung, sondern auch emotionale Dichte gewinnt. Da ist die staunenswerte Bühnenpräsenz der Sopranistin Izabela Matula: Diese hochkonzentrierte Darstellerin nimmt das Publikum mit auf Toscas Weg, der stellenweise die Spannung eines Psychokrimis erreicht.(…) Die letzte Szene ist eine Mauerschau, was geschieht, erfährt das Publikum nur vermittelt durch Toscas Erzählung. Dann ist die Frau, die den ganzen Abend über auf der Bühne stand, auf einmal verschwunden, und herbeigeeilte Menschen blicken in die Höhe, als suchten sie die Selbstmörderin: So schlicht und doch verstörend wird Toscas Tod im Theater selten erzählt.“

Echo, Johannes Breckner, 4.12.2016

„Mit stockendem Atem verfolgt das Darmstädter Premierenpublikum, wie Regisseurin Eva-Maria Höckmayr und Julia Rösler, verantwortlich für Bühne und Kostüme, eindringlich, intelligent und packend drei Projektionsflächen in der Titelrolle und Hauptfigur Tosca bündeln, um direkt und ungeschönt nach außen zu kehren, was Puccini in schmerzlich schöne Musik kleidete. Sie zeigen die Oper auf der Opernbühne, sie zeigen die Gefühlswelt der verliebten Primadonna und sie bebildern, was sich in ihrer Gedankenwelt abspielt. (…)In dieser äußerlichen Bewegtheit gelingt Höckmayr eine Personenregie, womit sie die Charaktere selbst in nur kurzen Sequenzen vielschichtig und eindringlich bloß legt. Bei ihrer Scharfzeichnung der jeweiligen Charaktere fließen zwei Wahrnehmungsebenen zusammen, die Rolle an sich und jene Person, die Tosca in dieser Rolle wahrnimmt.(…)Das alles führt dazu, dass der Zuschauer, vom Geschehen gebannt, dem Weg Toscas bedingungslos folgt, die Massenszenen gesichtsloser Dämonen in Schwarz und teufelsrotem Engelsgewand, kraftvoll angestimmt vom Kinderchor und Opernchor, noch als verschärfend bedrohlich erlebt und am Ende dieses Psychodramas erschöpft und doch beharrlich applaudiert. Allen Beteiligten ist eine großartige Inszenierung gelungen.“

Opernnetz, Christiane Franke, Dezember 2016

„Eva-Maria Höckmayr setzt diese Welt aus Traum und Realität dadurch ins Bild, dass sie die Hauptperson (Izabela Matula) nahezu durchweg auf der Bühne belässt, auch in Szenen ohne ihre Beteiligung. Wie ein Geist schwebt sie im blutigen Kleid in diesen anderen Szenen um die Darsteller und sucht nach einer Deutung des Geschehens. Gleich die erste Szene verweist dabei auf den Schluss, steht sie doch vor der blutenden Leiche Cavaradossis, den sie eben noch als Sterbenden umarmt hat. Man könnte es auch so deuten, dass die gesamte Handlung letztlich nur eine Rückschau auf die Ereignisse ist, die sich während ihres suizidalen Sprungs von der Engelsburg in ihrem Kopf abspielt. Eine andere Deutung – die Regisseurin lässt hier alle Möglichkeiten zu – sieht in Tosca die Opernsängerin, die in ihrem eigenen Leben plötzlich das erlebt, was sie in der Oper „Tosca“ gerade spielt. Tosca spielt „Tosca“ – (…) Das Publikum zeigte seine Dankbarkeit für diesen denkwürdigen Opernabend durch lang anhaltenden, mehr als kräftigen Beifall und ging am Schluss sogar zu stehenden Ovationen über.

Egotrip, Frank Raudszus, 4.12.2016

„Tosca ist also immer dabei, von der Gewalt gezeichnet, hell ausgeleuchtet, selbst wenn sie nur zuschaut, wie das Drama seinen Lauf nimmt. Im ersten Akt, dessen Ort Julia Rösler mit perspektivisch geschickt verschobenen Details in den Petersdom verlegt, senkt sich für ihre Auftritte gelegentlich der Vorhang – aus der Theaterkirche wird Kirchentheater, und wenn eine entzückende Schar Ministranten einzieht, wieder Theaterkirche.(…)Ein opulenter, bilderreicher und Erfolg beim Publikum versprechender Abend, wie der einhellige, alle Akteure einschließende Beifall zeigte.“

Frankfurter Neue Presse, Andreas Bomba, 6.12.2016

„Verdiente Bravos vor allem für Tenor Mickael Spadaccini und die polnische Sopranistin Izabela Matula in der Titelrolle, die das ansonsten eher kritische Darmstädter Opernpublikum an diesem Abend vollends zu überzeugen wussten.“

Vorhang auf, Sandra Russo, Dezember 2016

„Zurecht, denn Eva-Maria Höckmayr hat uns eine kluge und stringente Inszenierung dieses schon allzu bekannten Stoffes präsentiert. (…)Das Publikum strömt noch zu den Sitzplätzen, da ist die Bühne einsehbar und natürlich suggeriert das Bild sofort die Kirche, in der die Oper spielt. Aber wir sehen auch eine Frau in weißem, blutverschmierten Kleid und einen toten Mann am Boden – das Ende sozusagen. Immer wieder umkreist sie diesen, parallel dazu verschiebt sich das Bühnenbild mit seinen verschiedenen Prospekten, die Musik setzt ein und das Geschehen beginnt mit dem lebendigen Mario Cavaradossi. Diese Frau – Flora Tosca– ist eine veritable Diva, groß ihre Gefühle, groß ihre Ansprüche, groß ihre Sehnsucht, die einzige Frau im Leben ihres Geliebten zu sein. Sie ist – für ihre Mitspieler nicht sichtbar – immer auf der Bühne, die wie für sie gemacht ist, ihrer Bühne. Vorhänge – ob als Prospekt oder echter Vorhang – werden hinuntergelassen und wieder hochgezogen, teilen den Raum, schaffen Versteckräume und damit auch den Ort für Misstrauen, Eifersucht und Zwietracht, treiben neben der Musik das Geschehen voran.“

IOCO, L.Herrmann, 2.12.2016