DIE SACHE MAKROPULOS. Janácek

MUSIKALISCHE LEITUNG Will Humburg & Johannes Harneit
AUSSTATTUNGJulia Rösler
DRAMATURGIEMark Schachtsiek
LICHTHeiko Steuernagel
CHORAlessandro Zuppardo
VIDEOKrzysztof Honowski, Roman Kuskowski, Johannes Kulz
MIT:KS Katrin Gerstenberger
Sabina Martin
Stefan Adam
David Lee
Thomas Piffka
Andreas Wagner
Krzysztof Szumanski
Michael Pegher
Xiaoyi Xu
Alexander Günther
Anja Bildstein
Nicolas Legoux
Gundula Schulte
Katharina Susewind
Karin Klein
Véronique Weber
Gabriele Drechsel
Katharina Hintzen
Komparserie
Staatstheater Darmstadt
Opernchor
Staatstheater Darmstadt
Fotos: Martin Sigmund

„Eva-Maria Höckmayr wirft in Darmstadt einen faszinierenden Blick auf ‚Makropulos‘(…). Überhaupt lebt dieser mit kräftigem Beifall aufgenommene Abend von der Genauigkeit der Erzählung, die über gut zwei Stunden das Interesse fesselt – vielleicht gerade deshalb, weil Höckmayr das Geheimnis Emilia Martys gar nicht auflöst. Und sie lässt einen Rest des Zweifels an der Geschichte vom Lebenselixier, die Marty am Ende auftischt, müde geworden von 337 Lebensjahren, erschöpft von der Ödnis, die sie empfindet. Den erhofften Tod findet sie nicht: Marty zieht sich zurück ins Bühnenbild und endet als Künstler-Denkmal.“

Darmstädter Echo,Johannes Breckner, 12.3.2018

„Die Inszenierung der jungen Eva-Maria Höckmayr löste mehrfach ineinander verwobene, zunächst schwer durchschaubare Handlungsstränge geradezu traumwandlerisch auf: Janaceks Konversationsmusik der ersten beiden Akte gewissermaßen übermalt mit gigantischen Videos der nach über 300 Jahren noch immer nicht alternden Heldin Emilia Marty – und im dritten Akt eine darstellerisch atemberaubende Katrin Gerstenberger als Diva Marty auf der Suche nach dem Rezept des Elixiers für ein ewiges Leben, der »Sache Makropoulos« eben.Man sollte sich die seltene Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Oper des tschechischen Klangzauberers Leos Janacek unter der kompetenten Leitung des scheidenden GMD Will Humburg zu durchleiden.“

Strandgut, Bernd Havenstein, April 2018

„Ewig jung, ewig begehrt, ewig Primadonna assoluta! (…) Höckmayrs Absicht ist eindeutig: Jeder formt Emilia Marty nach seiner Vorstellung.

Die Ereignisse in der Kanzlei (…) zeigt Höckmayr in einer Filmcollage, gedreht nach dem Prinzip subjektiver Kameraführung. Die Vielfalt der schnellen Bilder korrespondiert mit den schnellen Wechseln in der Musik (…). Die Zuschauer sitzen mitten im Geschehen, gebannt von der im Film lebendig eingefangenen, perspektivisch vielfach wechselnden Schau auf eine bald jungmädchenhafte, alternde, nackt in lasziver Pose sich auf dem Schreibtisch räkelnde oder geschäftsmäßig verhandelnde Emilia.(…) die Fülle an Eindrücken, die das Team aus Musik und Regie bereithalten, ist enorm. Musikalisch klug durchstrukturiert und brillant ausgearbeitet bieten alle Akteure spannendes Musiktheater in Bestform.“

Klassik.com, Christiane Franke, 10.3.2018

Die Regie arbeitet – in schöner Selbstreferentialität! – von Anfang an mit der Theater-Metapher. Wenn sich der Vorhang hebt, sieht man, wie das technische Personal des Staatstheaters die Kulissen eines vermeintlichen Bühnenbildes abbaut. Offensichtlich ist gerade eine Vorstellung zu Ende gegangen – natürlich eine mit Emilia Marty, wie man später weiß. Hinter einem Gaze-Vorhang kommen verschiedene Männer mit Blumensträußen auf die Bühne, die sich gegenseitig misstrauisch beäugen und aus dem Weg gehen. Strebt einer von ihnen jedoch zielsicher einem Ausgang zu, folgen die anderen ihm, weil jeder Angst hat, die anderen könnten ihre Blumen vor ihm bei der berühmten Sängerin abliefern. Damit ist die Dame bereits „im Raum“, bevor sie überhaupt aufgetreten ist. Nur eine verschwommene Video-Sequenz auf dem Gaze-Vorhang zeigt die Ahnung einer schlanken Frau in Weiß – quasi als Vision der Blumenmänner.(…)Unübersehbar zeigen diese Video-Sequenzen die Projektionen und Phantasien der beteiligten Männer, von denen sich keiner der Wirkung dieser Frau entziehen kann. Dieser multimediale Regieeinfall, nicht unbedingt neu und bisweilen schon fast totgeritten, haucht dieser Inszenierung jedoch Leben ein und verdeutlicht den Subtext der ausgedehnten Szene im Anwaltsbüro. (…)Als Effekt aus diesem funktionierenden Zusammenspiel – und es passt tatsächlich über lange Strecken! – ergibt sich eine außerordentliche, streckenweise fast existenzielle Dichte der Gesprächshandlung, nicht zuletzt durch die darstellerische Leistung der fünf Schauspielerinnen Karin Klein, Gabriele Drechsel, Katharina Hintzen, Katharine Susewind und Véronique Weber.(…)Während es im ersten Akt im Wesentlichen um die Rückschau auf die Hintergründe des alten Erbstreits und die undurchsichtige Rolle von Emila Marty ging, folgt jetzt die Erklärung ihrer Alterslosigkeit einschließlich der Verzweiflung über ein leeres und kaltes, weil unbegrenztes Leben. Daraus resultiert auch ihre emotionale und erotische Kälte, die Jaroslav Prus bitter zu spüren bekommt, nachdem er Emilia das ersehnte Dokument übergeben hat. Wenn die innerlich erkaltete und leere Emilia am Ende das Dokument verbrennt und im Bühnenhintergrund auf ihren Tod wartet, tritt die metaphorische Aussage dieser Oper, die auf einer Komödie des tschechischen Dichter Karel Çapek aus dem Jahr 1922 beruht, deutlich zutage: der existenzielle Traum des Menschen vom ewigen Leben ist ein Albtraum.“

Egotrip, Frank Raudszus, 11.3.2018

„Am Staatstheater Darmstadt gibt es in der Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr außerdem einige Schauwerte und einen doppelten Boden, indem offen bleibt, ob hier nicht doch bloß gespielt (geträumt, fantasiert) wird. Ähnlich wie in ihrer starken „Tosca“ 2016 am selben Ort betont sie die Theaterumgebung – auch Emilia Marty, wie Elina sich gegenwärtig nennt, ist Sängerin. Zur Ouvertüre lässt Ausstatterin Julia Rösler die Theatermaschinerie mit den Muskeln spielen, schöne Bilder zwischen Seidenpracht und herber rabenschwarzer Technik entstehen daraus.(…)Der extrem unvernünftige Freitod eines jungen Liebenden steht in Kontrast zur 337-Jährigen, die sich keine Überschwänglichkeit (Liebe, Mitgefühl) mehr abringen kann. Hochelegant und sehr blond dominiert Gerstenberger Bühne und Mannsbilder, die um sie herum blass wirken, aber in Abendgarderobe und mit Blumensträußen präsentable Groupies sind.“

Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg, 14.3.2018

„Wir erleben fünf Episoden mit verschiedenen Frauen. Das sind Projektionen und teilweise Männerfantasien der Herren, die in einem Erbschaftsstreit involviert sind. Die Operndiva tritt auf mal als reifere Frau, mal jung, mal verführerisch, sogar nackt. Immer weiß gekleidet und mit blonden Haaren. Diese Filme laufen auf einer Leinwand hinten auf der Bühne und vor der Bühne auf einer halbtransparenten Netzwand. Die Sänger auf der leeren Bühne dazwischen agieren kaum und singen ihre Partien. Und von hinten, vom Rang herunter singt Katrin Gerstenberger die Partie der Operndiva.“ 

hR2 Kultur, Meinolf Bunsmann, 12.3.2018